Unglück am Flugplatz Eisenach-Kindel: Augenzeugenberichte

Das Ende einer Flugshow: Unglück kommt aus heiterem Himmel

Um 15.45 Uhr ist am Samstag auf dem Verkehrslandeplatz Eisenach-Kindel die Welt noch in Ordnung.
Tolles Wetter für diese Flugshow. Pilot Walter Eichhorn lässt den in die Jahre gekommenen Strahltrainer Aero L-29 Delphin mit einem Kunstfluggast an Bord in den Sturzflug gehen. Mit knapp 500 Sachen geht es abwärts. Auf dem Landeplatz Kindel, zehn Kilometer vor Eisenach, herrscht Jahrmarkt-Atmosphäre.
Gut 5000 Menschen haben sich zum Spektakel auf den Weg gemacht. Kinder lassen ihre bunten Flieger aus Styropor gleiten. Moderator Peter Misch und seine Kollegen geben über die Lautsprecheranlage Wissenswertes über Technik, Flieger und Fluggeschichte weiter.
15.50 Uhr unterbricht Mischs lauter Ruf durch das Mikro das Treiben: Achtung! Gehen sie zurück. Dann fliegen schon die Fetzen. Das gelbe Agrar-Flugzeug Z 37A durchbricht den Zeltstand der BRH-Rettungshundestaffel und des Rettungsdienstes und knallt dumpf in einen kleinen Versorgungskiosk. Leute springen zur Seite. Ducken sich. Rennen weg.

Zehntelsekunden später liegen Menschen regungslos am Boden. Zeugen des Unfalls halten sich die Hände vor das Gesicht. Momente der Fassungslosigkeit. Helfer, Zuschauer mit und ohne Medizinkenntnisse eilen zur Maschine. Schnell ist auch der unweit postierte ASB-Rettungswagen da und seine Mannschaft zur Stelle.

Veranstaltungsbesucher drängen an den Unfallort. Ich stehe etwa 50 Meter daneben und bin, wie viele Augenzeugen, starr vor Entsetzen. Meine Arme sind zwei Momente lang gelähmt. Ich kann noch nicht fotografieren. 21, 22, 23.... Erst jetzt begreife ich, dass gerade ein Unglück geschehen ist und laufe. Der Puls rast auch so.

Mein erster Blick fällt auf die verbeulten Fahrräder und auf zwei verletzte Kinder am Boden. Es ist laut und hektisch. Eine Frau schreit: Ist hier ein Arzt? Das fährt mir durch Mark und Bein. Zehn Minuten vor dem Unglück wollte ich meine Kinder zum Flugfest holen nach ihrem Mittagsschlaf. Mir schießt es durch den Kopf: Das da hätten auch deine sein können.
Während 16.02 Uhr der zweite Rettungswagen mit Polizei-Eskorte eintrifft, geht über Lautsprecher die Anweisung, vom Flugzeugwrack zurück zu treten. Wegen des Benzins im Tank bestehe Explosionsgefahr. Darum schert sich aber kaum einer. Nur langsam treten die Zuschauer zurück.
16.04 Uhr: Der dritte Krankenwagen fährt vor, aber immer noch keine Feuerwehr vor Ort. Ich denke: Was, wenn die Maschine explodiert?! Nicht auszudenken. Rettungssanitäter der vom Flugzeug überrollten Station versorgen verletzte Kollegen. Aber nicht alle können sofort verarztet werden. Der Anblick dieser Hilflosigkeit ist furchtbar. Mir ist flau und ich überlege, ob ich weiterhin auf den Auslöser drücken soll? Was muss hier wirklich fotografiert werden, was nicht?! Immer wieder geht mein Blick zum Flugzeug und zu Menschen, die unter den zivilen Helfern auffallen.
Ein Mann mit freiem Oberkörper gestikuliert auf dem Flugzeug. Polizisten nehmen Indizien auf. Immer noch ist das Szenario undurchschaubar und das Ausmaß des Unfalls nicht abschätzbar.
16.11 Uhr: Die Feuerwehr trifft ein. Dann der erste, der zweite und bald darauf der dritte Rettungshubschrauber treffen ein. Nach und nach erscheint das volle Rettungsaufgebot. 
Viele der Flugshow-Besucher bleiben an Ort und Stelle, sind regungslos. Andere telefonieren. Ich sehe, wie eine Mutter panisch ihr Kind sucht und es schließlich findet. Unversehrt. Ich weiß, was jetzt in ihr vorgeht.
Macht endlich eure verdammten Kameras aus, schreit eine junge Frau zornig von der Spitze des verunglückten Flugzeugs einigen privaten Handy-Fotografen zu. Warum steht gerade sie da oben, denke ich. Ist sie vielleicht die Frau des Piloten? Und dieser Mann daneben? Später die Erklärung: Susanne Kley ist Anästhesie-Schwester im Eisenacher St. Georg-Klinikum und Stephan Kiehne ein Kollege aus dem OP-Bereich. Sie waren Gäste, wollten sich einen schönen Nachmittag mit den Kindern machen und waren nach dem Unglück die ersten Helfer beim Piloten. Der Streifen Land, über den das verunglückte Flugzeug gerollt ist, ähnelt einem Schlachtfeld. Ich kenne solche Szenarien nur aus dem Fernsehen. Aber das hier ist Realität und echtes Blut. 
Menschen sind fassungslos. An vielen Stellen werden Verletzte versorgt. Die ersten Krankenwagen bringen Verletzte ins Krankenhaus, darunter die Kinder. Zwei versorgte Verletzte stehen gestützt auf. Einer ist zwar weiß wie eine Kalkwand, kann aber gehen. Für mich und andere ist das ein Hoffungszeichen.
Dann die Nachricht, dass die Kinder-Karussell-Eisenbahn direkt neben dem Kiosk außer Betrieb war. Sie hatt keinen Strom. Auf die Uhr habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Die Uhrzeit ist mittlerweile selbst für einen Berufschronisten nebensächlich.
Auf dem Platz tauschen die Menschen ihre Gefühle und erste Gerüchte aus. Einige weinen. Ob das Flugzeug vor dem Unfall gelandet oder gestartet ist? Da gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist: Es passierte aus heiterem
Himmel. Aber nicht nur das gibt den Zaungästen des Unglücks Rätsel auf. Meine und andere Blicke richten sich auf das Cockpit der Maschine, oder was davon übrig ist. Noch immer ist der Pilot nicht befreit, wenngleich er schon an der Infusion hängt. Die Bergung erweist sich als schwierig. Ist der Mann bei Bewusstsein?
Welcher Anblick bietet sich den Rettungskräften? Sie müssen hart im Nehmen sein. Beim Einsatz kommen dir noch keine Gedanken, erzählt Kreisbrandmeister Frank Hartung, der gerade die nächste Feuerwehr am Einsatzort anmeldet. Aber abends, wenn du zu Hause bist....

Kurz nach fünf: Der Pilot wird dank vieler Hände geborgen. Mein Telefon-Interview mit dem MDR-Radio wird ziemliches Gestammel. Noch immer bin ich wie viele andere Augenzeugen vor allem eins: mitgenommen.

 

Unglück bei Flugshow: Warum?

Dagmar und Hans sind begeisterte Luftfahrtfans und selbst Flieger aus Bayern und sind Mitglied im Flugzeugforum.
Sie haben für Luftfahrt-Eisenach ihre Eindrücke aufgeschrieben.
Wir, meine Frau und ich, saßen auf einer Bierbank neben dem Getränkestand im Zuschauerbereich, nördlich des Display YAK – T6. Etwa Höhe des vorherigen Abstellplatz der Z37 und AN2, etwa 20 - 25 Meter östlich der Absperrung zum Platz für die Vorführung der Rettungshundestaffel.

Die Z37 stand einige Zeit in Sichtrichtung 10 rechts der Bahn mit laufendem Triebwerk, könnte am Rollhalteort Charlie gewesen sein, aber vielleicht auch näher an der Schwelle im Gras.

Als ich das nächste mal in diese Richtung schaute, sah ich die Z-37 bereits stark aufgeschaukelt in Richting 28 rollend. Das in Startrichtung 28 rechte Rad am Boden die rechte Tragfläche bis auf etwa einen Meter zwischen Randbogen und Piste gesenkt, das linke Rad in der Luft.

Nachdem zurückfallen auf beide Räder, der Sporn war durchgehend am Boden, schleuderte die Maschine auf der Piste erst nach links und dann nach rechts von der SLB mit Richtung auf die Mitte des Zuschauerbereichs (unsere Richtung). Hier schien sich die Richtung zu stabilisieren und die Z37 nahm etwas Fahrt auf, hob mit dem Hauptfahrwerk kurz ab um sofort wieder durchzusacken und nochmals das Hauptfahrwerk zu heben. Wir waren aufgesprungen blieben jedoch stehen, da die mögliche/notwendige Fluchtrichtung durch erneute leichte Richtungsänderungen der Z37 nicht klar war. 

Zu unserem Glück setzte sich der Rechtsdrall der Z37 fort, mit einem Knall krachte das Flugzeug in den Pavillon der Rettungshundestaffeln und drehte leicht nach links um unmittelbar danach, wohl zuerst mit der rechten Tragfläche in die Gestänge der Kindereisenbahn eingehakt wieder stark nach rechts gerissen, in die Zuckerwattenbude einzuschlagen.

Soviel ich hören konnte, lief der Motor bis zum Durchschlagen des Pavillons auf Vollgas, nach diesem Knall wurde entweder die Zündung ausgeschaltet oder das Gas heraus genommen.

Der Name des Autors ist uns bekannt, wurde aber auf Wunsch gekürzt.

Gedanken zur Katastrophe am Kindel.

Axel Pohl aus Berlin ist als Ingenieur in einer Forschungseinrichtung tätig und kümmerte sich während seiner Armeezeit um Flugzeugtechnik. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin besuchte er die Großflugtage in Eisenach.
Ich hatte, entgegen den Planungen, die mir der Veranstalter zuvor übermittelt hat, den Termin für meinen Gästekunstflug mit dem Zlinteam um Dr. Beyerlein nicht um 14:00 Uhr, sondern sollte mich gegen 16:00 in der Nähe der Flugzeuge einfinden. Die drei Zlins waren in der Nähe des Towers abgestellt, so dass ich mich mit meiner Freundin zusammen seit etwa 15:50 zwischen dem Karussellhangar und dem Tower aufhielt. Ich hielt Ausschau nach den Herren im grünen Overall, um hocherfreut die näheren Umstände meines geplanten großen Erlebnisses abzusprechen. 
Währenddessen rollte die Z37 an mir vorbei, ich schoss zwei Bilder vom Piloten (hätte ja eine aus dem Flugzeugforum bekannte Person sein können) und ein weiters Photo der Maschine von hinten.
Irgendetwas hielt meinen zukünftigen Piloten noch davon ab, mit mir zu reden und so wartete ich geduldig auf den richtigen Zeitpunkt für die Kontaktaufnahme.
In diesem Bereich des Flugplatzes standen keine Lautsprecher der Platzbeschallung, ich vernahm die Kommentare nur als eine Art Hintergrundgeräusch, ohne einzelne Worte zu verstehen. Plötzlich änderte sich die Stimmlage merklich, kurz darauf vernahm ich zwei kurz hintereinander folgende schwere Schläge. (Ich weiß, dass man im Nachhinein Zeiten ganz schwer schätzen kann, nach genauester möglicher Überlegung glaube ich, die Einschläge waren weniger als eine Sekunde auseinander.) Mir schoss eigentlich sofort der Gedanke durch den Kopf, dort sei etwas passiert und sagte dies auch zu meiner Freundin. Kurz darauf erschien mir das ganze Gelände sehr still.
Der Karussellhangar nahm mir die Sicht auf einen großen Teil des Platzes, von der Unfallstelle hab ich gar nichts gesehen. Die ersten Worte, die ich hörte, wechselten zwei Piloten hinter dem Zaun, sie wunderten sich darüber, wo das Seitenleitwerk der Z37 zu sehen sei und schauten dabei parallel zur SLB in den Publikumsbereich. Ich vermutete daraufhin einen Rollunfall, meine Gedanken galten dem Piloten. Wie bei dem letzten Flugunfall, an dem ich beteiligt war (ein Absturz eines Segelflugzeuges beim Windenschlepp, bei dem ich auf der Winde saß), konnte ich mich nicht dazu aufraffen, mich näher an die Unfallstelle heran zu begeben. Meine Freundin fragte mich mehrfach, ob ich wisse, was geschehen sei, ich konnte aber natürlich nichts dazu sagen. Die Durchsagen des Sprechers, auf die ich mich nun näher konzentrierte und sie auch verstand, ließen mich nichts Gutes ahnen. Auch die Fahrzeuge mit Sondersignal, die sich mehr und mehr in Richtung auf die Geräuschquelle in Bewegung setzten, beunruhigten mich über das Ausmaß des Vorfalles. Meine Freundin konnte mit der Ungewissheit nicht länger leben und begab sich auf den Weg in Richtung der vermuteten Unfallstelle. In der Zwischenzeit schien klar, dass mein geplanter Gästeflug nicht mehr stattfinden würde und ich ließ mir das bereits gezahlte Geld zurückzahlen. Dabei bat ich noch um die Möglichkeit, die Kabine der Z226 photographieren zu dürfen, wenn ich sie schon nicht in Aktion sehen können würde. Der Pilot (seinen Namen habe ich leider vergessen) gestattete mir dies auch ohne weiteres, er erbot sich sogar, mir auch das Kabinendach zu öffnen. Beglückt nahm ich die Gelegenheit war, ohne jedoch meine Blick auch nur in Richtung auf den Unfall zu richten. Ich war gerade mit meinen wenigen Bilden fertig, da kehrte meine Freundin schwer erschrocken zurück und berichtete mir, was sie aus großer Entfernung gesehen hatte: ein gelbes Flugzeug in einer Verkaufsbude. Somit beschloss ich sofort, keine weiteren Bilder von der Veranstaltung oder den Rettungsmaßnahmen zu machen und auch, der Unfallstelle nicht näher zu kommen.
Ich blieb im Bereich des Towers an der Vorstartlinie stehen, bis Henning und Thomas, die mit uns die Veranstaltung besuchten, glücklicherweise samt Familienangehörigen unversehrt ankamen und wir uns über den Hergang zu unterhalten begannen. Obwohl ich mir die Bilder auf dem Display von Thomas Kamera ansah, schienen die Informationen glatt an mir vorbei zu gehen. In der Zwischenzeit kamen immer mehr Einsatzfahrzeuge, auch die ersten Rettungshubschrauber trafen ein. Somit verdichteten sich sicher nicht nur für mich die Hinweise auf die Größe der Katastrophe.

Cirka zwei Stunden später beschlossen wir, meine Freundin und ich, in die Stadt zurückzufahren. Auf dem Weg zu unserem abgestellten Auto mussten wir zwangsweise an der Unfallstelle vorbei. Mit sehr ungutem Gefühl näherten wir uns der Einsatzstelle der Rettungskräfte und wurden an der Absperrung von einem Mitarbeiter aufgehalten. Auf unsere Bitte hin, ganz am Rand der Absperrung zum Parkplatz zu gelangen, wurde uns dies nach kurzer Funkrücksprache des uns aufhaltenden Sicherungspostens unter seiner Begleitung gestattet.
Ich bemühte mich, nicht zur Unfallstelle zu sehen, trotzdem konnte ich den blutbeschmierten Propeller nicht übersehen. Dieses Bild habe ich bis heute vor meinen Augen und sehe es regelmäßig vor mir.

Flugzeugunglück auf dem Kindel.

Der DRK-Kreisverband Eisenach bewältigte am Flugtag in Eisenach-Kindel einen Großeinsatz.
Es ist kurz vor 16:00 Uhr. Die Eisenacher Großflugtage sind voll im Gange. Ca. 5.000 Menschen haben sich auf dem Flughafen Eisenach/Kindel versammelt um die spektakulären Flugschauen zu beobachten. Eine Maschine hatte wohl Schwierigkeiten beim Start, war schon in der Luft, aber bekam keine Höhe. Sie raste in einen Imbissstand. 
Großeinsatz für das DRK Eisenach. Die Rettungswagen (RTW) von Eisenach und der Rettungswache Thal werden umgehend alarmiert, ebenso die Rettungsmittel aus Gotha und Bad Langensalza. Das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) ist mit Dr. Sänger und Rettungsassistent Dirk Starkloff als erstes Rettungsmittel vor Ort und übernimmt die Koordinierung des Einsatzes bis der Leitende Notarzt Dr. Spahn und der Organisatorische Leiter Rettungsdienst Carsten König eintreffen. Zwischenzeitlich werden auch die Sanitätseinheiten des DRK Eisenach alarmiert. Innerhalb kürzester Zeit sind 13 Katastrophenschützer mit 4 Einsatzfahrzeugen einsatzbereit und verstärken die Rettungskräfte auf dem Kindel. Unsere Mannschaft beim Landeswettbewerb in Sömmerda bricht unverzüglich auf um die Einsatzkräfte vor Ort zu verstärken.
Die traurige Bilanz auf dem Kindel: eine Tote und 15 zum Teil Schwerverletzte, darunter auch ein Kind. Mehrere Rettungshubschrauber fliegen polytraumatisierte Patienten in Fachkliniken. Ein zweites NEF bringt weitere notärztliche Hilfe auf den Kindel, muss aber wegen eines Notfalles in Eisenach wieder zurück.
Inzwischen beginnt der koordinierte Transport der Verletzten in die Krankenhäuser. 

Für unsere Rettungsdienste ist der Einsatz gegen 19:30 Uhr beendet. Vom DRK Eisenach waren im Einsatz 3 RTW´s, 2 NEF´s, der Organisatorische Einsatzleiter und 13 Helfer des Katastrophenschutzes mit 4 Einsatzfahrzeugen. 16 weitere Helfer waren auf der Rettungswache Eisenach in Bereitschaft.
DRK-Einsatzleiter Sebastian Kluge
Die Zusammenarbeit zwischen dem DRK Sanitäts- und Betreuungsdienst hat sehr gut geklappt. Jeder wusste, was seine Aufgaben sind. Vielen Dank an alle Eisenacher Kameradinnen und Kameraden der Einheiten des Katastrophenschutzes. 
Besonders hervorzuheben ist der Einsatz der Mitglieder der BRH-Rettungshundestaffel, die, obwohl selbst vom Flugzeugunglück betroffen, sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgeführt haben".

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der zwei Opfer sowie den Verletzten und Betroffenen.

Der Beitrag wurde mit freundlicher Erlaubnis vom DRK-Kreisverband Eisenach veröffentlicht.

Das traurige Flugplatzfest.

Samstag, der 26.April.
Einer der ersten wirklich sonnenverwöhnten Tage in diesem Jahr, dazu noch ein Flugplatzfest - was will das flugbegeisterte Herz mehr?

So begab ich mich gemeinsam mit meinem großen Sohn (15) nach Eisenach-Kindel. Das Programm nahm seinen Lauf, begeistert guckten wir Zuschauer in den Himmel. Kunstflieger, Transportmaschinen, (ehemalige) Strahltrainer - sogar eine L-29 schaffte es bis zum Kindel. Dazu immer die wissenden Kommentare des Moderators, einstmals selber NVA-Pilot; es machte einfach Spaß und gab mir auch Gelegenheit, mich mit einigen Freunden und bis dahin persönlich unbekannten Kameraden zu treffen, die man sonst nur per Internet kannte.

So traf ich mich auch mit Volker. Er war gerade 3 Minuten auf dem Platz, es klingelte mein Handy, wir verabredeten uns flugs und liefen uns entgegen. Der sich zufällig ergebende Treffpunkt war auf dem Rollweg; links von mir ein paar Schaustellerbuden, rechts von mir das Zelt der aus Hessen angerückten Rettungshundestaffel.

Nach wenigen Augenblicken der ersten Begrüßung ließ uns ein ungewohntes Triebwerksgeräusch aufhorchen. Irgendwie klang es anders, wenn die Maschinen auf dem nahezu 200m entfernten Runway Fahrt aufnahmen... Unser Blick glitt in Richtung Startbahn: eine Z-37 hoppelte über die Wiese! Nun ja, dachten wir uns, womöglich will uns hier der Pilot noch etwas Außergewöhnliches zeigen... oder er stand mit seiner Maschine so ungünstig, dass er erst noch rollen musste. Also zückte ich meinen Fotoapparat, hielt fleißig auf die agrarflug-gelbe Maschine und schoss einige Bilder. Die Maschine hielt genau auf uns zu, wechselweise mit dem Fahrwerk aufsetzend und kaum einen Meter Höhe erreichend.

Ich hatte etwa 5 Bilder in meiner Kamera, als mir und auch den meisten anderen, die in diese Richtung sahen, instinktiv klar wurde: das ist nicht normal! Wo wollte der Pilot hin? Er schoss genau auf uns zu, keine Anzeichen, dass er abheben konnte, absetzte, die Fahrt verringerte oder irgendwie die Maschine in eine sichere Richtung zu bringen versuchte. Im Gegenteil: durch die wechselweise Bodenberührung der Fahrwerke und das Aufsetzen einer Tragfläche auf das Gras wechselte die Z-37 in Sekundenabständen unkontrolliert die Richtung. Weg hier! Links: Piste und dann die Buden, ein Zuckerwattestand, daneben ein Kinderkarussell! Nicht viel Platz und eine Menge Leute - rechts: Wiese! Eilig, ohne weitere Überlegung sprinteten wir nach rechts, in wenigen Sekunden hatten wir uns vielleicht 15m von dem Zelt entfernt. Jetzt schrie auch die Moderatorenstimme aus aus den Lautsprechern: "Weg da!"

Die Maschine schoss 10m neben links neben uns vorbei, durchpflügte das Zelt. Warum hält der nicht an? Eine solche Situation kannte ich nicht; in meiner ganzen aktiven und Zuschauer-Fliegerzeit hatte ich so etwas Unkontrolliertes nicht gesehen - der Pilot muss doch bremsen! Die Z krachte mit einem ohrenbetäubendem Knall in die Mitte der Schaustellerbuden. Der Flieger schob die ganze Kontruktion ungefähr 5 Meter nach hinten, verwandelte sie in einen Haufen Bretter. Einige Teile, die sich aus den Ständen gelöst hatten, flogen umher, gingen irgendwo nieder.

Bei dem Anblick nach dem Einschlag gefror uns das Herz. Unfassbar die Situation! Leblose Menschen lagen unter den Tragflächen, ein Kind. Die Mutter kam schreiend hinzu gelaufen, sie stand zuvor wohl abseits. Was war mit dem Kind? Was war mit dem Karussell? Die Kinder!
Meine Kamera, die ich noch in der Hand hatte, machte die Bilder alleine. Ich konnte nicht denken, und schon gar nicht die Situation begreifen. Warum hält der nicht an?

Erste Helfer kamen angerannt. Der Rettungsdienst, ohnehin wegen der Massenveranstaltung auf dem Platz, war nach weniger als einer Minute da, kümmerte sich um Personen, die auf dem Beton lagen. Andere Männer sprangen bereits auf die Maschine, rissen die Bretter auseinander, suchten nach Leuten, die unter dem Trümmerberg begraben waren.

Der Pilot sitzt in der Z-37 relativ hoch; er ragte nun über das ganze Geschehen hinaus. Vermutlich verletzt, bewegte sich aber in seiner Kabine marginal. Davor die Reste der Zuckerwatte-Bude, darin schreiend ein Mann: Hilfe, Hilfe, hier her! Entsetzt gewahrte ich, dass genau hier der Propeller in die Bude gefahren sein musste - und der hatte sich noch gedreht! Über die Auswirkungen dachten wir in dem Moment nicht mehr nach, es war einfach schrecklich!

Nach etwa einer Minute wurde uns selber die Situation bewusst. Den Fotoapparat ausschalten; wer dabei stand, braucht diese Bilder nicht. Was war mit den Kindern? Sofort bekamen wir weiche Knie; wer jemals irgendwo ein leblos daliegendes Kind gesehen hat, wird mir nachfühlen können.

Und sogleich kamen die Aasgeier Schaulustigen heran gesprintet. Sie zückten Kameras und Handys, offensichtlich waren sie zuvor weitab vom Geschehen und versuchten nun, Bilder vom Unglück zu erhaschen. In dem Augenblick hätte mir schlecht werden können. Wir hockten auf der Wiese und kämpften gegen die weichen Knie. Vor Entsetzen stand allen das Wasser in den Augen...

Die Platzfeuerwehr raste heran. Die Männer sprangen auf den Trümmerberg, die Teile auseinander reißend. Polizei, die erst einmal versuchte, Platz zu schaffen, Unverletzte und Unbeteiligte zurückdrängte. Räumen der Rollbahn, damit die Rettungsfahrzeuge ungehindert bis zur Unglücksstelle vordringen konnten. Und selbst hier steckten die Uniformierten Ärger der hysterisch schreienden Umstehenden ein: Warum helft Ihr denn nicht? Da sind Verletzte!

Nach Minuten weitere Feuerwehrfahrzeuge, dann erst mal Ruhe, denn es war nichts mehr vor Ort. Nach 10 Minuten nahten weitere Rettungsfahrzeuge und Wagen der freiwilligen Feuerwehren aus den umliegenden Orten, die gesamte Umgebung war von der Rettungsleitstelle in Eisenach in Alarm versetzt worden. Notarztwagen aus Eisenach und Bad Langensalza. Nach einer halben Stunde waren etwa 20-30 Rettungsdienste da, selbst aus Waltershausen und weiter entferneten Orten kamen Wagen herbei. Nach etwa 20 Minuten kamen nacheinander Rettungshubschrauber aus Bad Berka, Suhl, auch der Bundeswehr-SAR HS aus Erfurt. Noch später die DRF-Maschine aus Nordhausen (eine Hubschrauber gibt es in Eisenach selbst nicht). Die Maschinen landeten (und mir stand nicht der Sinn nach Fotos), standen eine Ewigkeit am Boden; wir hofften nur, dass die Notärzte den Verletzten helfen konnten.

Feuerwehrfahrzeuge nahten unentwegt. Die Kameraden hatten alles an Autos mobilisiert, was in den Dorfgaragen vorhanden war. Die Polizei führte die Fahrzeuge dann mit Motorrädern über die Rollbahn zum Unglücksort. Einige Feuerwehrleute kamen zwar in Dienstuniform, jedoch mit Privat-PKW herangebraust, offensichtlich war ihr Fahrzeugpark schon unterwegs oder voll belegt.

Die Nachrichten, die in der Flugplatzgaststätte aus dem Radio plätscherten, überschlugen sich mit Meldungen. Inzwischen war dort von 2 Toten die Rede. Gerüchte(!), dass der Vorrat mit für die Erstversorgung notwendigen Mitteln knapp würde. Wir konnten nichts dazu tun oder dementieren, inzwischen waren wir (freiwillig) weitab vom Geschehen. Der Veranstalter hatte ohnehin alle Besucher zum Rückzug vom Unfallort aufgefordert, die Veranstaltung abgebrochen und um ein Verlassen des Geländes gebeten.

Noch waren die Straßen großräumig für nachrückende Rettungsfahrzeuge und Feuerwehren gesperrt. Auch nach einer Stunde noch immer neue Rettungsfahrzeuge, Feuerwehren, Autos des LBA/BFU. Bei meiner Abfahrt nach fast einer Stunde (die ich für meine inneren Sammlung brauchte) rückte das THW mit schweren Fahrzeugen an, ebenso die Polizei mit 20 Transportern, nun wohl aus Erfurt, um den Unglücksort zu sichern.

Samstag Abend
Die Heimfahrt aus Eisenach war schwer. Jeder Gedanke weilte bei den Unglücksopfern. Neben mir pausenlos die gelbe Z-37.

Das Radio vermeldete kontinuierlich neue Nachrichten zum Unglück. Nun gibt es eine Tote. Eine Frau aus Hessen, sie arbeitete in der Zuckerwattebude, in die das Flugzeug einschlug. Das Kinderkarussell war glücklicherweise außer Betrieb.

Zu Hause (natürlich) erst einmal den Fernseher an; die Fernsehkanäle waren auch sogleich zur Stelle mit Bildern und Kommentaren, die allerdings jedem Dabeigewesenen aufstießen. Blödsinn! Gerüchte über die Unfallursache: geplatzter Reifen! Meine Kamera zeigte anderes... Rettungsdienste langsam: Solchen Quark hatte ich selten gehört! Die ersten Kräfte waren nach weniger als 2 Minuten vor Ort, weitere Kräfte nahten unentwegt; ebenso wie alle Feuerwehrleute waren sie so schnell da, wie es eben ging, handelten selbstlos. Respekt vor dem Rettungs(kommunikations)system! Ich ziehe den Hut vor jedem, der in einer solchen Situation die notwendige Kaltblütigkeit und Professionalität bewahren und so Verletzten helfen kann. Nicht, dass es hierbei um den Anblick von Blut geht - aber der Anblick der Hilflosigkeit der Opfer macht einem schon mächtig zu schaffen und versetzt einen selbst in arge Handlungsunfähigkeit. Panik! Sämtliches, jemals über Erste Hilfe gelerntes Wissen verkriecht sich angesichts des Kampfes um Leben und Tod in die letzte Ecke des Gehirns...

Zwangsläufig überspiele ich die Bilder von meiner Speicherkarte und sehe sie mir (flüchtig) an. Die Z-37 ist wieder neben mir... auf einem der Bilder ist die Frau, die starb, noch drauf, in der Zuckerwattebude. Vor sich das Flugzeug, gerade in die Bude gekracht. Ich könnte heulen.  

Sonntag, 27.April 2008
Natürlich sind die Nachrichten noch immer voll von Berichten über das Eisenacher Unglück. Inzwischen gibt es zwar keinen geplatzten Reifen mehr als Vermutung, aber dafür wissen sie schon alles über den Piloten, seine Vorführung und Qualifikation. Jegliche weitere Spekulation wird von mir hier nicht wiedergegeben; ein wenig sollten wir schon auf Ergebnisse der BFU warten! 

Die BFU bekommt am Sonntagmorgen von mir die Bilder, die ich schoss; allein der "Anflug" der Maschine zeigt, dass der Pilot wohl völlig unzureichend reagierte oder unentschlossen war: Triebwerksdrehzahl ca.2500 Umin-1 - Volllast! Weitere Kommentare sparen wir uns. Dafür rücken die Fernsehsender mit weiteren Bildern und Videos nach, die von auch von Personen stammen, die zuvor auf dem Flugplatz beteuerten, ihre Aufnahmen nicht der Sensationsgeilheit objektiven Berichterstattung wegen verkaufen zu wollen. Am schlimmsten ein Video, das bei RTL läuft: am Ende des Beitrages wird noch einmal maximal auf den blutverschmierten Propeller gezoomt. Bin ich der einzige, der hier noch die sterbende Frau sieht?

Der Tag bedrückt mich sehr. Ich habe emails und ein Telefongespräch mit einem Kameraden, der mir und meinem Großen dringend empfiehlt, eine psychologische Beratung ("Krisenintervention") in Anspruch zu nehmen, um mit dem Ereignis umzugehen.

Montag, 30. April 2008
Ein privater Fernsehsender ruft bei mir zu Hause an, zwei mal. Er möchte von mir gern ein "Statement" haben, da ich nun schon mal unmittelbar am Punkt Null in Eisenach war. Meine innerliche Entscheidung war allerdings schon am Vortag gefallen, die Überlegung war nur kurz: NEIN. Angesichts einer Fernsehkamera sagt man vielleicht noch Dinge, die man so nicht sagen wollte (lässt sich also auf Spekulationen ein...), oder wird u.U. missverstanden, möglicherweise falsch interpretiert. Nein, ich brauche diesen Auftritt nicht. Nach den 2 Anrufen ist die Aktion auch vorbei.

Dienstag, 29.April 2008
Gerade in den Nachrichten: das schwerverletzte 14jährige Mädchen ist gestern Abend gestorben. 2 Tage hatte es gegen das Unglück gekämpft. Es war am Samstag sofort auf die entsprechende Initiative der Rettungsleitstelle in Eisenach mit dem Hubschrauber nach Fulda geflogen worden. Schwerste Kopfverletzung ließen die Hoffnung auf erfolgreiche Behandlung nur in einer Spezialklinik zu.

Scheiße. Ich brauchte gar nicht mehr nachsehen - das Bild des Mädchens und seiner letzten Sekunden sind bei mir auf der Speicherkarte. Die gelbe Z-37 kracht wieder neben mir durch das Zelt.

2 Tage wird es noch dauern, bis nicht jede freie Sekunde in meinem Kopf sich dem am Wochenende Geschehenen zuwendet. Dann hat mich der (Arbeits)Alltag wieder eingeholt. Das Gehirn akzeptiert für sich diese Katastrophe.

Aber noch immer bin ich in Gedanken häufig bei den Opfern und ihren Angehörigen.

Nachtrag
Meine Festplatte birgt einige Bilder des Unglücks. Außer den nebenstehenden werde ich keine Fotos davon öffentlich zugänglich machen. Für Augenzeugen und Beteiligte sind sie teilweise ganz einfach grauenhaft. Dem Respekt vor den Opfern und ihren Gefühlen schulde ich, dass die Bilder verschlossen bleiben.